Groß|mut|ter|wan|gen|fleisch, das [Substantiv, Neutrum]: von Bindegewebe umgebenes weiches Muskelgewebe der Backe der Mutter des Vaters oder der Mutter [Quellen: Textariat und Duden]

Die Suppe ist lind und nur lauwarm, ein Löffel, zweiter Löffel, dritter Löffel, der Großvater schlürft, Nudeln werden am Gaumen zerdrückt, Zungen, die tasten, was es zu denken gibt, wenn zwei beieinander sitzen und nicht sprechen, sie fragt ihn besser nicht, bald muss sie wieder gehen, wenn er jetzt anfängt zu reden, wird es spät, eine Geschichte reiht sich an die nächste, und sie hat anderes zu tun, als dem Großvater zuzuhören, es ist ihr lästig, dieses Eintauchen in die Vergangenheit, und es ist immer Vergangenes, das in Form gebracht wird vor ihr, sie spannt Muskeln an, anspannen, loslassen, anspannen, loslassen, der Teller ist leer, ob sie noch wolle, es gebe genug, danke, sagt sie und lehnt sich zurück, ich bin satt, außerdem braucht die Großmutter auch noch etwas, der Großvater seufzt, die isst sowieso nichts, klack, ihre Zähne, die aufeinanderfallen, knirschen, fest beißt sie zu, das wird wieder ziehen, dann also die Lippen, bis es schmerzt, im Augenwinkel die Großmutter, sie möchte nicht hinschauen, und er redet weiter, ob sie von seiner Drei-Welten-Theorie wisse, nein, sagt sie und denkt an Poppers Drei-Welten-Lehre, der Großvater wohl nicht, und sie sagt nichts, was kommt jetzt, denkt sie, es interessiert sie nicht, der schwafelt wieder herum, das gehört zu den Untugenden des Alters, nein, der Pension, ob sie auch einmal so wird, und da wird sie sentimental, reiß dich zusammen, schreit sie sich an, wie viel der Großvater schon erlebt hat, der weiß mehr als du, also doch zuhören, die normale Welt, sagt der Großvater jetzt und schluckt, jedenfalls ist das die Welt, in der die meisten leben, auch die Tiere, fragt sie, ja, auch die, und die zweite, will sie wissen, die zweite ist natürlich die der Dementen, sie schaut auf, der Dementen, es ist keine Frage, ja, nuschelt er, dabei nickt er in Richtung Großmutter, und jetzt folgt sie dem Blick, fahl sitzt die da in ihrem Schaukelstuhl, die Finger ineinander verhakt, starrt aus dem Fenster, die Hose speckig, der Schmutz unter den Fingernägeln, die Wollsocken, die fehlenden Knöpfe an der Weste, ab und zu wippt sie, vor, vor, zurück, zurück, die Zehen auf, auf und nieder, nieder, stiert die Scheibe an, vertrockneter Regen, oder was sieht die, der Blick verschleiert, trüb, denkt die Enkelin, das Hirn umspült, nicht in Watte gebettet, sondern es treibt in der Brühe, einmal dahin, dann dorthin, ein paar Wortfragmente, Sätze, Gedanken, die durchbrochen werden von, was ist das, und sie ist wieder abgelenkt, jetzt dreht die Großmutter den Kopf, schaut beide an, die Enkelin, den Mann, diese Fremden in diesem fremden Haus, und die Großmutter kneift die Augen zusammen, jetzt sagt sie etwas, öffnet den Mund, die Enkeltochter neigt den Kopf, lauschen, nein, da überlegt die Großmutter es sich anders, kann sie überhaupt noch überlegen, bitte, fordert die Enkeltochter sie auf, und die Großmutter zieht sich zurück, die Nachfrage als Angriff, der Arm schnellt nach oben, die Hand macht die geübte Bewegung, als werfe sie einen Basketball in den Korb, und jetzt sieht sie zornig aus, die Stirn in Falten gelegt, aber sie sagt nichts, was soll sie diesen Idioten auch sagen, die sie gefangen halten, denkt sie, und die Enkelin denkt dasselbe, sie schaut zum Großvater, der schüttelt den Kopf, die Lippen zusammengepresst, ja, sagt er dann, die demente Welt, die leben da drin, unerreichbar für uns, eher unglücklich sind die, sagt der Großvater, und sie kann dieses Unglück sehen, sie spürt es, wie es von der Großmutter zu ihr hinüberströmt, jetzt hangelt es sich von den Haarspitzen zur Kopfhaut, rutscht in ihr Hirn, legt sich über ihr Sternum, eisig, der Druck, der immer kommt, wenn sie die Großmutter zu lange betrachtet, deren Finger, bläulich, faltige Hände, die hat sie einst gehalten am Beginn vieler Nächte, ob die Fingerspitzen das noch wissen oder hat der gesamte Großmutterkörper alles vergessen, das Streicheln, das Waschen, das Kochen, das Tun, wann war die Großmutter zuletzt da gewesen, fragt die Enkelin sich, welcher war der letzte Tag gewesen, an dem sie war, und dann ist sie aufgewacht und war fort, der Mensch, der gelebt hat in ihrem Körper, mit diesen Beinen, Füßen, mit diesem Bauch, der Mensch, der geboren hat und die Brust, die einen anderen genährt hat, wann ist dieser Mensch fortgegangen, an welchem Tag, zu welcher Stunde, nein, das geschah nicht von heute auf morgen, noch schlimmer, denkt die Enkelin und erinnert sich an die Großmutter mit den Handflächen auf den Augen, die Tränen unter diesen Handflächen, Salz, das sich in das Großmutterwangenfleisch gegraben hat, geschluchzt hat sie, ich werd schon ganz deppert, hat sie geklagt, aber nein, haben sie alle beteuert, aber nein, und bei sich die alte Frau bemitleidet, aber betroffen waren sie nicht, der schnelle Verlauf wollte als Glück betrachtet werden, bald wird sie nicht mehr wissen, dass sie nichts mehr weiß, sagten sie sich, und nur der Anfang sei schlimm, doch es war gelogen, denn die Großmutter wurde vertrieben aus sich selbst, ohne jemanden an der Seite zu haben focht sie gegen den Diebstahl, jetzt blinzelt die Enkelin nicht, sie fixiert diese Frau im Schaukelstuhl, das ist doch die Großmutter, die dort sitzt, das ist sie doch, älter, natürlich, aber das ist die Großmutter, und wenn sie es ist, wird sie doch da sein, wie kann sie verschwunden sein, wenn sie doch hier sitzt, vor ihr sitzt sie, und es ist dieselbe Stimme, die ihr vorgesungen hat, die sie beruhigt hat, es ist die Großmutterstimme, die gehört der Großmutter, also muss die Großmutter da sein, und hier sitzt sie, ja, hier sitzt sie, in diesem Großmutterkörper, wo bist du, Omi, will sie schreien, schütteln, vielleicht kann sie die Großmutter herausschütteln, vielleicht liegt sie geknebelt, gefesselt unter dieser Apathieschicht, es kann nicht sein, dass die Großmutter nicht da ist, wenn sie doch hier sitzt, ein Gefangensein ist das, nicht nur in sich selbst, sondern in dieser Welt, ja, in welcher, fragt der Großvater da, hab ich das laut gesagt, sie atmet aus, räuspert sich, in unserer, sagt sie, irgendjemand leidet immer, und die Großmutter wispert jetzt vor sich hin, sie kann es sehen, aber nicht verstehen, erhebt sich, hin zur Großmutter, legt eine Hand auf die Großmutterschulter, sanftes Andrücken, aufmunternd soll das sein und beruhigend, soll sagen, ich bin da, jemand ist da, du bist nicht alleine, ich kenn den nicht, sagt die Großmutter da und deutet auf den Großvater, den kenn ich nicht, nein, sagt die Großmutter, den kenn ich nicht, wo bist du, fragt sie, nun leiser, sich selbst, das ist nicht dein Haus, sagt die Großmutter, hier wohnst du nicht, belehrt sie sich, und dabei wird die Satzmitte betont, wütendes Zischen, nicht mein Haus, wo bin ich, fragt sie, ich kenn den nicht, wer ist das, den kenn ich nicht, und dann schüttelt sie den Kopf, wieder fährt der Arm nach oben, die Hand wirft etwas weg, es wird der Sinn sein, den sie da fallen lässt, denkt die Enkelin, und jäh lächelt die Großmutter, ruhig vor sich hin schmunzelt sie, jetzt beobachtet sie den Großvater, der sich ächzend erhebt, er geht hinaus, jetzt nickt die Großmutter, jetzt weiß sie alles, der hockt immer da, flüstert sie, kann der nicht woanders hin, wer, fragt die Enkelin, der fremde Mann, sagt die Großmutter lauter und hebt die Schultern, den kenn ich nicht, das ist der Opa, das ist dein Mann, sagt die Enkeltochter, nein, so die Großmutter, den kenn ich nicht, und nachdrücklich sagt sie, mein Mann ist auf der Bank, der holt das Geld, und die Enkelin drückt die Großmutterschulter abermals, der kommt bestimmt bald wieder, da runzelt die Großmutter die Stirn, aber sie nickt, da öffnet sich die Türe, der Großvater kommt zurück, bleibt stehen, lässt sich von der Großmutter mustern, wie oft er inspiziert wird von den Großmutteraugen, sie schaut ihn lange an, dann schüttelt sie den Kopf, jetzt wirkt sie verzweifelt, der Großvater sagt nichts, setzt sich, da lehnt die Großmutter sich zurück, schließt die Augen, wippt vor, vor, zurück, zurück, zurückgerutscht in die Teilnahmslosigkeit, und von dort wird sie nicht so schnell wieder herauskommen, da fällt es der Enkelin ein, sie zieht die Hand zurück, dreht sich zum Großvater, die Schuhe schmatzen über PVC, und die dritte Welt, fragt sie ihn, der Friedhof, schmunzelt der Großvater, der Tod.

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