Nicht immer ist das, was der Norm entspricht und grammatikalisch oder/und orthografisch einwandfrei ist, auch gut.

Uneinheitlichkeit hinsichtlich der Rechtschreibung bestand bis zum Erscheinen des Schleizer Duden im Jahr 1872 und des Urduden im Jahr 1880. Davor gab es den phonetischen Grundsatz („Schreibe, wie du sprichst.“) nach Johann Christoph Adelung und das historisch-etymologische Prinzip (Schreibung berücksichtigt die Wortgeschichte) nach Jacob Grimm. (Quelle Duden). Derzeit herrscht Konsens darüber, dass die Schreibung von Wörtern einheitlich geregelt sein sollte.

Abseits der Schreibweise von Wörtern, die kaum Fragen offenlässt, wird bis heute allerdings darüber debattiert, was Sprache darf und was nicht. Was ist ein „gutes“ Buch, was macht eine „spannende“ Geschichte aus, was darf überhaupt und was soll unbedingt gelesen werden? Darauf gibt es keine universell gültige Antwort, denn: Schrift und Sprache dürfen, was der oder dem Einzelnen gefällt.

© Ein Freund meines Sohnes, mit freundlicher Genehmigung

Insbesondere Kinder müssen mit Sprache und Schrift experimentieren dürfen, sich an sinnfreien Geschichten erfreuen lernen, Wörter verunstalten und für ihre Zwecke missbrauchen. Das meint nicht, dass Schreiblernmethoden wie Schreiben nach Gehör sinnvoll sind (sind sie erwiesenermaßen nicht, siehe u. a. hier). Rechtschreibung macht durchaus Sinn, Kindern fantasievolle Ideen oder Texte durch zu viele Korrekturen zu verunstalten, zerstört aber vieles.

Ich habe früh die Lust am Lesen und am Schreiben entdeckt, auch aufgrund von Wortspielereien und erfrischender Lektüre wie Hatschi Bratschis Luftballon – ein schwer in Verruf geratenes Buch. (H. M. Enzensberger meinte zur Debatte um Hatschi Bratschi ganz richtig: „Nichtswürdige Verleger haben es verstümmelt, blöde Illustratoren verfälscht, pädagogische Aufseher kastriert, und am Ende wurde es ganz aus dem Verkehr gezogen, weil es ja, wie jeder aufgeklärte Mensch weiß, gar keine Hexen gibt und keine Zauberer im Morgenland und erst recht keine Menschenfresser in Afrika, und weil man scharf aufpassen muß, daß die kleinen Kinder nicht auf falsche Gedanken kommen.“ (Quelle FAZ))

Mein Großvater unterhielt mich oft mit einer Fassung eines als „Sinnverdrehung“ betitelten Gedichts, das um 1892 entstanden, aber ungeklärten Ursprungs ist und dessen 1. Strophe in zahlreichen Varianten vorliegt:

Finster war’s, der Mond schien helle,

grün war die verschneite Flur,

als ein Wagen blitzeschnelle langsam um die runde Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,

schweigend ins Gespräch vertieft,

als ein totgeschoss‘ner Hase

auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Die ältesten bekannten schriftlichen Varianten aus Volksthümliches aus dem Königreich Sachsen, auf der Thomasschule gesammelt von Oskar Dähnhardt. Erstes Heft. Teubner, Leipzig 1898 Nr. 270 und Nr. 271 (Quelle)

Heute lesen meine Kinder liebend gerne alte Bücher, auch weil aktuell vieles frei jeder Besonderheit ist, allein auf den pädagogischen Mehrwert abzielt und unter der Prämisse entstanden zu sein scheint, ja lehrreich für ein Kind sein zu müssen. (Schaden könnte dieses Anliegen allerdings vielen billigen (Klein-)Kinderzeitschriften wie dem Poopsie-Magazin, einem „quartalsweise erscheinenden Titel, [in dem] Mädchen zwischen sechs und neun Jahren in die Welt des Glitzerschleims verschiedenster Poopsie-Einhörner eintauchen [können]“ (Quelle), nicht, die oftmals inhaltlich fragwürdig und sprachlich entsetzlich sind.)

Es geht nicht darum, in allem der Norm zu entsprechen und sich in den Einheitsbrei einzugliedern, sondern vielmehr um Freude am Lesen und am Schreiben und nicht darum, dass wir alle alles gleich gut können. Die langweiligsten Texte sind jene, die austauschbar sind. Mitreißende Texte führen uns durch schräge Gedankengänge, zeichnen unerwartete Bilder oder schmerzen. Wahrheit kann brutal verschriftlicht sein, Sätze können Unbehagen auslösen, Illusionen entthront, Ungerechtigkeiten angeprangert werden. All das vermag Sprache, gelingt Schrift.

Besondere Texte zeichnen sich durch Finesse und einen einzigartigen Stil aus, nicht durch ihre Fehlerfreiheit – wenngleich ein Text voller Tippfehler schlicht nicht zu lesen sein wird. Schon Kinder sollen Erzählungen schreiben dürfen, die ihnen nicht zuwider sind. Deren Titel nicht „Im Supermarkt“, sondern „Ich im Beast-Blaster-Laden“ lauten. Jahrzehntelang im Schulbuch abgedruckte Textvorgaben, fade Bildergeschichten und alltägliche Lückentexte können über Langeweile zu Widerwillen am Lesen und Schreiben führen und jungen Menschen die Freude am Deutschunterricht und an einem Spiel mit der Sprache nehmen.

Wer sein Kind dabei unterstützen möchte, besser rechtschreiben zu können, muss beim Lesen ansetzen. Lasst die Kinder immer lesen, was sie interessiert, was sie lesen wollen, und sie werden merken, dass Sprache Spaß macht, Buchstaben wie Legosteinchen ein Spielzeug sind, das sich zu Großem zusammenfügen lässt. Sprache und Schrift sind Werkzeuge für und Schlüssel zu (Lese- und Schreib-)Welten, die jenen offenstehen, die sich an inhaltlichen Restriktionen vorbeischummeln und Kreativität und Fantasie hochhalten. Wer gerne liest, erschafft womöglich auch eigene Welten. Mit Protagonisten wie Ben Penis Origienal.

Ein gutes Lektorat geht behutsam vor und gestaltet nicht ganze Texte um, damit am Ende der persönliche Stil der Urheberin oder des Urhebers nicht mehr erkennbar ist. Es achtet Individualität und Persönlichkeit der Auftraggebenden. Inhaltliche und stilistische Verbesserungen sind Vorschläge, Eingriffe auf syntaktischer und grammatikalischer Ebene bleiben fern von Gleichförmigkeit und sparen Standardfloskeln aus.