Weih|nachts|abend, der [Substantiv, maskulin]: Vorabend des Weihnachtsfests; Heiliger Abend [Quelle: Duden online]

Und da erklingen sie. Sie hält den Atem an, richtet sich auf, drückt den Lautstärkeknopf, bis das Gerät vibriert, jetzt dröhnt die Melodie durch den kleinen Raum, Laute, die sie einmal jährlich hört, an einem bestimmten Tag, nur an diesem, und sie erkennt sie sofort, wird zurückgeschleudert an den Abend, diesen letzten Weihnachtsabend ihrer Großeltern, und sie sieht sie vor sich, den Großvater mit dem verschmitzten Blick, ein Mundwinkel meist nach oben gezogen, die Großmutter wie immer entrückt.

Sie folgt der Musik, lauscht angestrengt den Noten, die zu Tönen wurden und jetzt, Jahre später, das Gewesene zu ihr zurückbringen, ihr Vater am Klavier, der Großvater mit der Mundharmonika, obwohl sie es davor nie probten, spielten sie mit einer Leichtigkeit, es ist das schönste Stille Nacht, das sie je gehört hat, sie erinnert sich nicht daran, die Darbietung aufgezeichnet zu haben, und irgendwann musste sie die letzte Gedankennotiz aufgesprochen, die Batterien aus dem Gerät entfernt und es in die Elektroniklade gelegt haben, nicht mehr benutzt, aber jetzt wiedergefunden und damit tatsächlich einen Schatz gehoben. Nur 42 Sekunden dauert die Strophe, aber unbezahlbar, das Diktiergerät in ihrer Hand wird schlagartig zum wertvollsten Gegenstand, den sie besitzt. Sie weint leise, immer wieder zurück und play, zurück und play, gegen Ende hin verspielt sich der Großvater, bringt die Strophe aber zu einem perfekten Ausklang, sie schluckt, wenn sie das gewusst hätten, das letzte Weihnachtsfest, hätten sie irgendetwas anders gemacht? Die Stunden eher zu schätzen gewusst, natürlich, hinterher ist man immer klüger, derartige Gedanken sind abgenutzt, was also blieb? Etwas daraus gelernt? Verwirklicht, was man sich vorgenommen hatte? Oder weiterhin aufgeschoben, wie die Ausflüge, die der Großvater sich so gewünscht hatte, auf die Teichalm, mit der dementen Großmutter um den See schleichen, alleine wollte er nicht, Autofahren war ihm anstrengend geworden, die Großmutter sowieso. Und was hat sie ihm versichert? Ja, freilich machen wir das: im Frühjahr, wenn es wieder wärmer ist, oder im Sommer, nein, da ist zu viel los und heiß ist es außerdem. Dann eben im Herbst, da ist es gerade noch warm genug, wir können die letzten Sonnenstrahlen genießen, herrlich wird das sein. Wann taten sie es? Nie. Und die Fahrt nach Rijeka, die ihre Mutter dem Großvater zum Geburtstag geschenkt hatte? Im Krieg war er dort gewesen, so gerne hätte er sich Jahrzehnte danach die Stadt wieder angesehen, Erinnerungen geweckt, und sie wäre zu Hause geblieben, hätte die Großmutter beaufsichtigt, die Mutter wäre mit ihm gefahren, nur ein, zwei Tage, das ginge schon. Aber er wollte die Großmutter nicht alleine lassen, was eine Ausrede war, ihre Familie ist geübt im Ausflüchten, eher wollte der Großvater die Enkelin nicht mit der Großmutter belasten. Also fuhren sie nicht, und sie war nicht erbost darüber, die Großmutter konnte anstrengend sein, selbst wenn man nur wenige Stunden mit ihr verbrachte und sich nicht mit ihr auseinandersetzte, sondern sie lediglich beaufsichtigte, ab und zu Nachschau halten und sich davon überzeugen, dass sie keine Torheiten plante oder durchführte. Trotzdem, sie hätte ihre Tasche packen und für kurze Zeit zur Großmutter ziehen sollen, der Großvater hätte dann eben seine Tasche packen müssen, denn seine Tochter hätte schon im Wagen gewartet, auf nach Kroatien, hätten sie gerufen, die Großmutter hätte sowieso keinen Unterschied bemerkt, er war seit Jahren ein Fremder für sie, ein Eindringling in ihrem Haus, ein Haus, das ebenso wenig ihr Heim war, sie war ja immer auf der Flucht nach Hause, nach Kraubath, dorthin sind sie sogar gefahren mit ihr, doch selbst da ging die Suche nach der Heimat weiter, denn erkannt hat die Großmutter nichts, weder das unverändert gebliebene Haus am Bach, in dem sie aufgewachsen war noch ein einzelnes Zimmer, in dem sie in den Nächten ihrer Kindheit aus Mangel an einer Heizmöglichkeit gefroren hatte. Diesen Ausflug haben sie gemacht, und er hatte sich als unnötig herausgestellt, warum sind sie nicht mit demjenigen dorthin gefahren, der tatsächlich an einen bestimmten Ort wollte?

Immer diese Vorwände, warum eigentlich? Und weshalb hat sie die Großeltern nicht öfter besucht, einfach, um sie zu sehen und zwar ohne bestimmten Grund? Nicht bloß wegen des wöchentlichen Einkaufs, jeden Freitag, Liste abholen, Gewünschtes bringen, Geld kassieren. Kurzes Gespräch, nicht einmal gemeinsam gegessen, wichtigtuerische Anweisungen haben sie erteilt, wie der Großvater mit der Großmutter umzugehen habe, dabei hatten sie keine Ahnung von der Anstrengung, die er jeden Tag unternehmen musste, um das Zusammenleben mit der Demenz zu überstehen. Diese ermüdende Last konnte sie erst nach dessen Tod erahnen, als sie Monate lang mit der dementen Großmutter lebte; wenn das Haus zum Gefängnis wird, bei den Fenstergriffen beginnt es, wechseln und mit Schlössern versehen, damit die Großmutter nicht Alleinherrscherin über auf und zu und die Kälte ist, Schlüssel verstecken, auch den für die Haustüre, denn die Großmutter ist tagsüber und nachts auf dem Weg nach Hause und entkommen soll sie einem ja nicht, also sperrt man sie ein und wäre andererseits froh, würde sie ein wenig Frischluft schnappen und spazierengehen, aber wenn man sie bittet und darum bettelt, will sie partout nicht fort, wie ein trotzendes Kleinkind, die etlichen Gemeinsamkeiten fallen ihr nun, fünf Jahre danach, täglich auf, wenn sie ihren dreijährigen Sohn beobachtet, grundsätzlich ist da das Nein, das mit Tricks umgangen werden will, meistens jedenfalls, anpreisen, versprechen, um einem anderen Menschen zu zeigen, dass er etwas sehr wohl tun möchte, es nur noch nicht weiß, die Großmutter war da nicht anders, wollte sich nicht waschen lassen, weder duschen noch baden, und brav gegessen wurde sowieso nicht, auch die Aggression ist dieselbe, beim aufständischen Kind, bei der widerspenstigen Großmutter, und man schluckt die eigene Wut hinunter, wenn Suppe und Orangensaft im Blumentopf oder auf dem Boden landen, jedenfalls nicht im Magen. Wenigstens: Die Schlösser an den Fenstern machen sich jetzt wieder bezahlt, denn bei Buben in diesem Alter besteht das größte Risiko eines Fenstersturzes.

Schönreden kann sie nichts, sie versucht es auch nicht mehr, sondern gesteht freimütig ihr Versagen ein, der eingekerkerte Großvater, sie waren keine Lichtblicke in dessen Alltag, dennoch, einer der letzten Sätze, die der Großvater zu ihr sagte: Ihr seid meine Engerln. Wenn sie darüber nachdenkt, fällt ihr kein weiterer Satz ein, aber sie wird sich verabschiedet haben von ihm, bis nächsten Freitag, oder vielleicht hat sie ihn angewiesen, sich zu melden, sollte er etwas benötigen, und ja, das hat sie zu ihm gesagt: Ruh‘ dich ein bisschen aus. Eine unbedachte Äußerung, neben der Großmutter gab es keine Ruhe, das wusste sie, überging es allerdings. Noch am selben Tag wurde er ins Krankenhaus eingeliefert, drei Tage später war er tot, der hilfsbereiteste, großzügigste Mensch ihrer Welt hätte selbst Hilfe benötigt und ist gestorben aufgrund des Versagens von Ärzten. Erschöpft und dankbar hatte der Großvater ihr beim Staubsaugen zugesehen, da sagte er den Engerlsatz und meinte damit ihre Mutter und sie, dabei war er es, der alles für die Familie getan, mit seinem Schaffen für Generationen vorgesorgt hatte, nur ihm verdankt sie ein schulden- und sorgenfreies Leben, ihr Dach über dem Kopf, und sie hat es nicht gemacht, ihm diese beiden Ausflüge nicht ermöglicht. Weil immer etwas dazwischengekommen, immer etwas Wichtigeres zuerst zu erledigen gewesen war, weil sie Besseres zu tun gehabt hatte in diesen jugendlichen Jahren. Dann, ja dann machen wir das. Bestimmt. Und zur Mutter anklagend sagen: Jetzt müssen wir es dann aber wirklich einmal machen, ist eh ein schöner Ausflug.

Sie haben es nicht getan, sich nicht aufgerafft, immer weiter verschoben, aufs nächste Jahr, das dann nicht mehr gekommen ist, jedenfalls nicht für die Großeltern. Ob sie es je getan hätten, selbst wenn der Großvater zweihundert Jahre alt geworden wäre, wären sie mit ihm je auf die Teichalm gefahren? Wahrscheinlich nicht. Eine Stunde und eine Minute, meint der Routenplaner, so lange würde die Fahrt dauern. Wenn sie heute den Wegweiser Teichalm sieht, packt es sie direkt im Nacken und schlägt ihr mit fester Faust in den Magen, das schlechte Gewissen, und die Frage pocht in ihrem Kopf, warum nicht, warum hat sie sich keine Zeit dafür genommen?

Der Großvater war ganz auf sich alleine gestellt mit der Großmutter und ist beim Kümmern selbst verkümmert, jetzt sagen sie, was hätten sie denn machen sollen, er wollte sich eben nicht helfen lassen, aber natürlich hätten sie da erst recht anpacken sollen, nur waren sie zu faul dafür, wollten ihr feinsäuberliches Leben nicht belasten, wenn es so doch auch ging. Freilich musste er vor ihr sterben, es war ihm nicht vergönnt, noch einmal aufzublühen, die Großmutter, seit Jahren viel schlechter beisammen als er, starb sieben Monate nach dem Großvater, und da war die Enkeltochter dabei, da hielt sie die Großmutterhand beim letzten Atemzug, warum hat sie den Großvater nicht besucht im Krankenhaus? Weil sie bei der Großmutter gewesen ist und weil sie gar nicht daran gedacht hatte, ihn nicht wiederzusehen, genauso wie sie nicht begriffen hatte, nur begrenzt Zeit für diese beiden Ausflüge zu haben. Die Großeltern als Fixsterne in ihrem Leben, dass sie alt waren, war ihr bewusst, aber ein Sterben der eigenen Großeltern kam nicht infrage. Obwohl, da gab es diesen Moment, die Großeltern sitzen unbeweglich und recken ihre Nasen in die Sonne, sie reagierten nicht auf ihr Rufen, da hielt sie den Atem an, ganz genau hinsehen: Leben sie noch? Dann die Welle der Erleichterung, natürlich, was soll schon sein, traut sie den Großeltern nicht einmal mehr zu, in der Sonne zu sitzen, ohne zu sterben?

Die Großmutter durch die letzten Minuten zu begleiten, war nichts gewesen gegen all das, was sie ausgelassen hatte, zu viel Zeit weggeworfen, zu viel versäumt, zu viel nicht getan für die Großeltern, die mit ihr sehr wohl Urlaube und Ausflüge geplant und tatsächlich durchgeführt hatten, jederzeit waren sie abrufbar gewesen, die Großmutter, bei der sie sich am Telefon ausweinte, wenn sie Ärger hatte mit der Mutter, und der Dank? Die lange nicht mehr in derselben Sphäre lebende Großmutter anschreien und in deren Zimmer schicken, wenn diese wütend, zornig, bösartig wurde, nicht damit zurechtkommen, sich nicht in die Kranke und die Krankheit einfühlen können, manchmal war da genug Geduld, um eine wirre Geschichte mitzuspielen, aber bald war es ihr wieder zu dumm geworden, und ihr junges Alter und die Einfältigkeit entschuldigen nichts, mildern nicht den Verrat an jenen, ihr Großvater, der zuvorkommendste Mensch, den sie je kennenlernen durfte, und sie hat nichts gelernt von ihm. Die Großmutter, im Alter unberechenbar und grantig, ihr fehlt die Erinnerung an den Menschen, der sie vor der Krankheit gewesen sein muss, Fotos und Filme zeigen eine hingebungsvolle Frau, die mit der Enkelin stundenlang spielt und sie bei Brettspielen immer gewinnen lässt, doch erst durch die Demenz hat sie von der Großmutter Grundsätzliches gelernt. Was ihr an Gelassenheit mit der Demenzkranken gefehlt hatte, besitzt sie jetzt beim Trotzkind, das sie noch einmal die Stiegen hinunterträgt, wenn sie es davor inkorrekt hochgetragen hat, sie zieht ihm noch einmal die Kleidung an, die es selber ausgezogen hätte, wäre die Mutter nicht zu voreilig gewesen, faltet zu rasch entpackte Taschentücher, um diese akkurat in die Verpackung zurückzustecken, das Kind möchte ja selbst zugreifen, macht sich zur Hampelfrau und erfüllt vernunftwidrige Kleinkindwünsche, geht Strecken rückwärts, denn ihre Hand hat die Kleinkindhand beim ersten Gang falsch gehalten, sucht in Spülmaschine und Bestecklade minutenlang nach einem bestimmten Löffel, das Kind kann nur von diesem essen, jedenfalls bildet es sich das ein mit einer Vehemenz, die sie schmerzt, sie macht das als Tribut an die Großmutter, aber solche Taten können sonderbare Bitten der Großmutter und ihre eigenen Weigerungen, diese zu erfüllen, nicht ungeschehen machen. Sie hat sich kaum bemüht, der Großmutter in der Demenz schöne Stunden zu bereiten, war zu stur und zu sehr in der Realität verhaftet, wahrscheinlich war sie zu fantasielos gewesen, und die Großmutter musste noch mehr leiden unter der Ablehnung der Enkeltochter als diese unter den Zurückweisungen der Großmutter.

Es sind nur 42 Sekunden, doch die reißen sie zurück in die Vergangenheit, mahnen sie der Möglichkeiten, die unwiederbringlich sind. Sie trauert um die toten Großeltern und um sich selbst, weil sie so viel unterlassen hat, und sie verspricht sich, es irgendwann besser zu machen, wenn ihre Eltern Wünsche haben, die sie ihnen erfüllen könnte. Sie wird sie nicht vertrösten und nichts aufschieben, und wenn sie im Sommer auf die Teichalm wollen, warum nicht? Doch schon jetzt stehen zwei Ausflüge aus, die sie der Mutter vor einem Jahr zum Geburtstag geschenkt hat. Ein Jahr, in dem sie weder den einen noch den anderen Ausflug eingelöst, ein Jahr, in dem sie sich nicht ins Auto gesetzt hat. Ein Jahr, das ungenutzt vorübergegangen ist, und sie kann nicht schon wieder Ausflüge verschenken, wenn sie Versprechen nicht einlöst, ihr ist bewusst, die Mutter ist noch nicht alt, aber vorbei sein kann es trotzdem jeden Tag, dennoch: Sie bleibt sitzen oder – ist das noch schlimmer? – unternimmt andere Ausflüge mit anderen Menschen, es hat sich halt noch nicht ergeben, sagt sie sich, aber es sind wiederum nur Beschönigungen ihres Unvermögens, und irgendwann wird sie in ihrer Lade etwas finden, das sie an die Mutter erinnern und ihr vorhalten wird, wie viel sie vergeudet, vertan und vertrödelt hat an wertvollen Stunden, Tagen, Wochen und Monaten, es werden Jahre sein, die sie vorüberziehen lässt, immer nur auf anderes bedacht, ohne wahrhaftig Bedeutsameres zu tun.

Gekürzte Version des Textes Nur 42 Sekunden, in: Kurz – Literatur in kleinen Happen (Verlag 3.0 Zsolt Majsai); ungekürzte Fassung als Hörspiel verfügbar.

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