Hash|tag, das oder der [Substantiv, Neutrum, oder Substantiv, maskulin]: mit einem vorangestellten Rautezeichen markiertes Schlüssel- oder Schlagwort in einem [elektronischen] Text; englisch, aus hash = Rautezeichen und tag = Strukturzeichen [Quelle: Duden online]

Ein Jahr mit dir, meine wunderhübsche Prinzessin! Du machst unser Leben um so vieles reicher, du zeigst mir, was wirklich zählt. Danke, dass du dir mich als Mama ausgesucht hast! Übrigens [Werbung│Markierung] hat uns dieser Hochstuhl schon das ganze Jahr über supergut begleitet, war sowohl beim ersten Brei als auch beim ersten Selber-Löffeln dabei (und als Baby lag Paulina in einem supertollen Neugeborenenaufsatz, ich zeig ihn euch gleich nochmal in der Story!). Ich kann den Hochstuhl echt nur empfehlen – und Paulina liebt ihn!

#birthdaygirl #erstergeburtstag #liebemeineslebens #mygirl #meinbaby #stokkebaby #chairforlife #tripptrapp #wiesüßkannmanbittesein #motherhood #artgerechtleben #bedürfnisorientiert #glücksmomente #familyfirst #momlife

Zurück. Minttöne, beigefarbene Baumwolle, Rosé, Pastell, naturbelassenes Holz, Aufgeräumtheit, zeugt alles von #familiemachtglücklich, Liebe, Hingabe, #urvertrauen, Schaut-her-was-wir-haben-Textur, #daslebenistschön. Sie wischt nach oben, ein-, zwei-, dreimal – und es ist vorbei. Sie sollte diese Seite schließen, doch sie ist mittendrin, hineingezogen worden in den Hashtag-Sog, klickt sich von einem zum nächsten, die Themen so praktisch sortiert, wer mehr erfahren will, der findet alles, viel mehr, als er wirklich wissen wollte, und mehr, als er wissen sollte, zu tief eintauchen in das Leben anderer macht nicht zufriedener. Drei Daumenwischer vom Erster-Geburtstag-Posting bis zu dem Foto, nach dem das Kind nur noch wenige Minuten gelebt hat. Neun Wischer vom ersten Ultraschallbild, Unser Wunder, unser Leben! #9ssw #blau #rosa #baby2018 #liebendichschonjetztbiszummondundwiederzurück, bis zum In-memoriam-Posting, Unser Stern, unsere Sonne, unser Glück. Flieg hoch, Engel, flieg weit! Jeder Tag bringt mich dir näher. Du warst mein Leben, Paulina. Für immer deine Mama. #wirsehenunswieder #hinterdemregenbogen #neverforgotten #alwaysinourhearts #onedaycloser.

Heute wird Leben nicht mehr nur in Zeit bemessen, nicht von einem Datum zum nächsten festgeschrieben, dazwischen Tage, Wochen, Jahre, Lebenszeit eben, erste Weihnachten, erste Ostern, erste Atemzüge, erstes Tasten, erste Blicke, erstes Lächeln, erste Schritte, so durchschnittlich, immer dieselben Momente, auch das Chaos gleicht sich #fürmehrrealitätaufinstagram, drapierte Unordnung, nichts von dem, das die #mamablogger, #papablogger am #lebenmitkindern wie alle anderen stört, keine Reisfelder klebrig unter Tischen, Essen auf Sofas nachlässig verschmiert wie Rotz, in Ritzen, an Fußsohlen, keine braunen Flecken an Wänden, Schmierereien, auch braun, auf dem WC-Waschbecken, #washatdaskindjetztschonwiederangestellt, Spuren, an denen Mütter riechen, obwohl es innerlich schreit, tu es lieber nicht, aber es braucht den endgültigen Beweis dafür, dass es einfach grindig ist mit Kindern, vollgekotzte Betten, Böden, Ausscheidungen hinter, unter, auf und neben Sesselleisten, Lattenroste, die nach Urin statt nach Zirbenterpenen stinken, poste das einmal #fürmehrrealitätaufinstagram, das Kind, das im Schlaf gekotzt und sich darin gewälzt hat, die Speibe überall, Nasenlöcher, Augen, Lidfalten, Ohrmuscheln, in den Haaren sowieso, bröckelig und der Geruch nach ranziger Milch, aber das sieht sie dort nicht, keine Scheiße auf Fersen, weil man zwischen angesautem Hintern und Waschbecken #windelfrei und #artgerecht hineingetreten ist, keine bluttriefenden Münder nach semi- oder vollständig ausgeschlagenen Zähnen, vielleicht hie und da mal Hundekacke in Kinderschuhprofilen – #achtetaufeuremitmenschen #fürmehrrespekt –, zeigen, was man zeigen will und laut Werbepartner #möglichstunauffälligzwinker zeigen soll, und Kinder werden bestaunt für missglückte erste Versuche am Topf, Sabberfäden aus Mundwinkeln, offene Goschen beim Schlafen, ihr Unvermögen, das sie bei fast allem zeigen, doch #ersteversuchemitdemlöffel sind #zusüßumwahrzusein, links herum angezogene Kleider beweisen #hatschonjetztstil, und ansonsten ist eh immer alles schön, groß, weit, sauber und leuchtend, herbstsonnenstrahlenmäßig weich, total einzigartig abgebildet, darunter die immergleichen Hashtags, Weisheiten unserer Zeit, #unseralltagistihrekindheit, das lassen sie sich auf Shirts drucken, die sie betont ungezwungen tragen, wenn sie wie zufällig fotografiert werden in locker-flockigen Lässigposen, ein Bein abgewinkelt hinter oder vor dem anderen, leicht auf Zehenspitzen, dazu die Arme in die Höhe, angedeutete Verschränkung, der Move an sich ein eigener Hashtag, oder gerne Stirn an Stirn mit dem Kind, #verbunden, sie leben ganz ihr #seiduselbst, während sie stundenlang vor Spiegeln diese Stellungen üben und das veröffentlichte Foto eines aus einer Selfiereihe ist, #natürlichungeschminkt, die Speicherkarte danach randvoll.

Sie findet das ziemlich furchtbar und gleichzeitig wahnsinnig spannend, denn da hat sie echt schon viel gelernt, auf welche Ideen die Leute kommen, praktisch, und sie hat wirklich schon nützliche Sachen gekauft, weil sie etwas auf In-sta gesehen hat, das findet sie schon toll, #instaforever, und es macht ihr Leben auch leichter, wenn andere das bereits alles getestet haben und sich so dafür verausgaben, dann muss es ja wohl gut sein, und warum nicht aus den Erfahrungen anderer lernen?, sie findet das schon klasse, und sie war sowieso immer der Typ, der beim Spaziergang versucht hat, das Leben hinter den Fenstern zu erspechteln, muss sie jetzt alles nicht mehr machen, die Leute verschließen zwar ihre Jalousien, aber sie öffnen ihre Bade-, Schlaf-, Wohnzimmer, ihre Erlebnisse, Erinnerungen und Gefühle, ihre Kleider und die ihrer Kinder, sie öffnen ihre Augen und schließen ihr Gehirn, neue Berechnungen also, nicht mehr 23.03.2018 bis 05.05.2019, sondern 53 Zeilen zu je drei Bildern.

In ihrem Kopf das Geburtstagsblabla, sie ist so voller Instagram, dass sie in Hashtags denkt, hätte mal aufpassen sollen auf ihre Lebensliebe, #inyourface, sie scrollt durch die Kommentare auf der Suche nach Gehässigkeit, Wir denken an dich und dein hübsches Mädchen, Du bist in unseren Gebeten, In Gedanken bei dir und deiner Familie, Euer Schutzengel bewacht euch, Ihr werdet euren Engel wiedersehen und alle anderen 698 Beileidsbekundungen von Menschen, die sich dem Kind unbekannterweise so verbunden fühlen, manche nur aus Emoticons bestehend, andere wahre Romane eigener Verlusterfahrungen (In neuem Tab öffnen), durchschnitten lediglich von zwei Kommentaren zur vernachlässigten Aufsichtspflicht, das deutliche Wo warst du eigentlich?, das sich viele denken, die dieser Mom to Paulina / Vegan Family / Lifestyle / Beziehung statt Erziehung / Mädchenmama folgen, ein Großteil der 10.349 Personen erst, nachdem die Medien vom Tod des Mädchens berichtet hatten, da setzen sie sich hin, googeln, und sie finden den Instagram-Account der Mutter, geil, die Schaulustigen lechzen, noch mehr, als sie begreifen, dass die Mutter sie teilhaben lassen will an dieser ganzen Grausamkeit, das ist wie die Absolution, ins Innerste Fremder einzudringen, ein bisschen schauen, lesen, Informationen sammeln, noch dazu nach so einem Drama, wischen, scrollen, öffnen, stieren, starren, lesen, Luft anhalten, als sie nach dem letzten Beitrag suchen, als das Kind noch lebte, und sie schlucken, weil sie wissen, dass es aufgrund dieses Postings nicht mehr lebt, da geifern sie, schreiben aber nichts, gaffen weiter, suchen nach dem allerersten Foto des Mädchens, finden Ultraschallaufnahmen zwischen einer Reihe von Fotos des immer größer werdenden Schwangerschaftsbauches, #dickbauchdienstag, dann das Neugeborene, in eine naturfarbene Stoffwindel gewickelt, Am Samstag um 14.17 Uhr durften wir unsere Paulina Maria Esther nach einer sanften Geburt auf dieser wundervollen Welt begrüßen. Wir sind so stolz auf diese kleine große Löwin und genießen jetzt mal die erste zauberhafte Zeit. Danke für eure Geduld und die vielen lieben Wünsche! #ssw41 #daswartenhateinende #newborn #babygirl #birth #geburt #selbstbestimmtundfrei #glückunsereslebens, sie stöbern in der kurzen Lebensgeschichte eines Kindes, das trotz Aufmerksamkeit tausender Follower einen unbeobachteten Moment gefunden hat, und ziehen sich die Tragödie rein, betroffen, aber doch erleichtert, dass es nicht sie selbst erwischt hat, so oft, wie sie schon aufs Handy statt auf die Kinder geschaut haben, Schicksale, die einem selbst widerfahren können, wiegen schwerer als Bergsteigertode, was klettert der auch da rauf, #denkopfschüttel. Liebe, Herrlichkeit, Reichtum in jeder Hinsicht durch andere Menschen, das Zurschaustellen von Tagesabläufen, stupiden Ereignissen, die keiner mit anderen teilen wollen sollte (oder was geht bitte mit den #mekoniumfüßchen?), das Kind wird sich auch schön bedanken, denkt sie, danke für das Ablichten meiner ersten Scheiße auf meinen Füßen, herzlichen Dank für das Ablichten meiner Nacktheit, super, dass du dein Profil öffentlich geschaltet hast, die Pädophilen sitzen übrigens schon lange nicht mehr an Stränden oder weichen ihre Härte in Schwimmbädern ein, dort gibt es nix mehr zu sehen, da hat jedes noch so winzige Kind ein fesches Badehoserl an, aber praktisch, ein Klick, und hier haben wir die kleinen Poporitzen, Brustwarzen, volle Backen, kindliche Kussmünder, danke, vielen, vielen Dank, ich zeige mich gerne vor allen Leuten dieser Welt in meiner Unbedarftheit und Muttersucht an der Mutterbrust oder in anderen Lagen, für die ich nichts kann, für die Dargestellten wäre alles einmalig, sind es doch ihre tatsächlichen Lebensmomente, früher ausgewählter und bedachter gesammelt in Alben, stolz der Verwandtschaft präsentiert, unter großem Geschäme den ersten Willst-du-mit-mir-gehen-ja-nein-vielleicht-Freunden, alleine diese Masse an Gleichem legt sich über jede Individualität, betont werden fast trotzig #selbstbestimmtleben und #nachdenken, aber da kannst du dir noch so viele Hashtags aus dem Schädel kratzen, das ganze Gelaber ist austauschbar wie selten was, nichts nutzen #achtsamkeit-, #freiundungebunden-, #backtobasic-, #ungeimpftundgesund- oder #zurückzudenwurzeln-Geschwätz, ein Stolzsein auf #wirschwimmennichtmitdermasse, sondern #gegendenstrom, Daten sind hier kein Sold, jeder kann das Leben des Kindes auf die Stunde exakt rekonstruieren, aber, tja, #bämmalter, #wirglaubenandasgute, denn #dieweltistgut und #wirsindfrei.

Das Foto zeigt die Normalität der #instamom, die sie hochhält und doch zu negieren versucht, wie stark Mütter seien, schreibt die wiederholt – sie hat alle Beiträge gelesen –, obwohl die Kinder sie fertig machen möchten, keine Zeit mehr für sich selbst, so viel Verantwortung, nicht einmal am Klo hat man seine Ruhe, null Entspannung, keine Regeneration, nix mit #aufdieseeleschauen, schau doch mal in meine Story, heute Abend geh ich live und du erfährst, dass ich ja genau so bin wie du‚ #wirsindallegleich und kommen überein, dass wir natürlich, aber selbstverständlich, gar keine Frage, darum geht es ja auch gar nicht, unsere Kinder lieben, aber … #mentalload halt und dann: du und ich, wir müssen uns selbst aber auch wieder mehr schätzen, nicht nur für andere leben, #selbstliebe, ich, ich, ich, #schlechtesgewissen, das Kind kann nur so glücklich und entspannt sein, wie es die Mutter ist und vice versa, das Kind soll zwar #bonding und das ganze Programm absolvieren, aber die Mutter will nicht gebunden sein ans Kind, sondern #ungebundenundfrei, das Kind soll #bindung und #urvertrauen erfahren, schön #artgerecht das soziale Wesen bleiben, das es eh schon bei der Geburt war, immer, immer, immer #bedürfnisorientiert, nicht verrückt durch irgendwelche (Schul-)Systeme, #freilernen und so, und als die Mutter in dem Wissen, dass ihre #familieistmanchmalanstrengend-Nummer richtig Anklang finden und ihr vielleicht einen Werbedeal mit einer Shampoofirma einbringen wird, schreibt Das wird wieder ein Schreik(r)ampf! Lieben eure Kinder Haarewaschen auch so sehr? #zuckerfrei #glutenfrei #veganekinder #gesundesfamilienessen #nährstoffreich #pflanzenpower #familientisch #habnurkurzweggesehen #wildekinder #bedürfnisorientiert #fürmehrrealitätaufinstagram #ichhelfedireszutun #erziehungstatterziehung, klettert das Mädchen, dessen allerletztes Foto 4.269 Irgendwenen gefällt, trotz der #habnurkurzweggesehen-Mutter zwei Zimmer weiter auf den unter dem Fenster stehenden Schreibtisch aufs Fensterbrett, hält die Nase hinaus, ungewohnt, keine Scheibe zwischen dieser eigenartigen Welt, die es kennt und doch so noch nicht gefühlt und gesehen hat, ein bisschen weiter, innehalten, neigt noch einmal kurz den Kopf, grabscht mit den Miniaturfingern nach Stiften – Aber nur auf Papier malen! Ja? Wir malen nur auf Papier, Paulina! –, raus mit den Stiften, einer nach dem anderen, da fallen sie, was das Mädchen nicht weiß, sondern nur, dass die Stifte eben noch da waren und jetzt weg sind, wo sind sie hin, mal schauen, lehnt sich über das Fensterbrett, nach vorne, vorne, vorne, Oberkörper zuerst, neun Meter in die Tiefe, nichts hält auf, freier Fall, Asphalt, nichts dämpft diesen #gesundundnachhaltig ernährten Elf-Kilo-Körper, während die Mutter das Foto postet, Paulina mit Linsennudeln im Haar, grinst Richtung Smartphone, die so frischen – #neuwertig – und trotz des Tomatenchaos rund um den Mund strahlend weißen Milchzähne überall, die Konzentration der Mutter liegt auf dem gelungenen Öffentlichkeitsauftritt des Familienlebens und insbesondere der Tochter – das ist schon auch eine Arbeit! –, als diese fällt, sie weiß, es ist zu still, aber sie wischt die Gedanken beiseite, was soll schon sein in diesem Zimmer, ist doch alles abgesichert, was soll sie schon zerstören, keine Gläser zum Zerbrechen, Steckdosen mit Kindersicherungen versehen – in der gesamten Wohnung, selbstverständlich! –, Kantenschoner angebracht – für Schädel und Möbel –, und sie bleibt sitzen, tippt weiter, nur noch kurz, nur das noch schnell online stellen, dann beginnt der Waschhorror, überhaupt dieser Abendwahnsinn, immer das Gleiche, jeder Punkt muss abgehakt werden, nichts darf variieren, sonst geht das Kind nicht schlafen, wird übellaunig, dreht auf, quengelt, nervt, und dann kann sie sich schon wieder nicht vor den Fernseher setzen, schon wieder nicht einfach einmal, verdammt, nur ein einziges Mal!, in Ruhe irgendwo sitzen und nichts tun, außer deppert vor sich hinschauen oder endlich die Story fertigmachen, die Verfolger warten schon, manchmal will sie das ganze Kastl einfach wegschmeißen, aber das Geld kann sie echt gut gebrauchen, was soll’s, es macht eh Spaß, aber kommt sie zu was?, sie kommt ja zu nix mehr, egal, das Kind kann ja nichts dafür, es ist eh brav, und Hauptsache es ist gesund, was beschwert sie sich, andere Kinder sind behindert, es ist halt so anstrengend, diese ganze Scheiße, wenigstens der Abend, der Abend ist ihr wirklich heilig, und da braucht sie eben ein Kind, das keine Schreierei anfängt, noch Wasser!, Kuscheln!, Singen!, Streicheln!, das geht ihr so auf die Nerven, stundenlang, wirklich stundenlang den Kinderrücken und den -hintern im ewig gleichen und strikt einzuhaltenden Rhythmus tätscheln, klopfen, in den ersten elf Monaten hat das Kind ihr währenddessen die Brustwarzen abgekaut, weil #geborgenekindheit, #motherhoodmoments, #breastfeeding, #motherhoodunplugged, #artgerecht, #babysleep, #instinkt und das ganze Zeug, aber #attachmentparenting halt, sie denkt an den Beitrag von letzter Woche, die kleine Hand im Halbdunkel, die ihren Finger umschließt, ihr Gesülze, das sie darunter geschrieben hat, wie gut es angekommen ist bei den Followern, #solangedumichbrauchst #solangeesdirguttut, alles Lügen, wenn es ihr zu dumm wird, lässt sie das Kind liegen, selbst wenn es schreit und weint und plärrt und keine Luft mehr bekommt, weil die Nebenhöhlen mit Weinschleim vollpfropfen, da findet sie das Kind einfach nur dumm, wie es sich den Zustand noch selbst verschlimmert, und sie ärgert sich, weil das Bettzeug nass und schleimig und nicht nur unangenehm für das Kind – selbst schuld! –, sondern auch wieder, schon wieder!, reif für die Waschmaschine ist, und dann schließt sie die Türen, manchmal explodiert sie davor noch und brüllt das Kind nieder, schleudert ihm die fiesesten Gemeinheiten an den Kinderschädel, irgendwann ist ihre Geduld halt auch erschöpft, ihr wird schon ganz anders, wie das Kind sich immer gebärdet beim Reinigen, als würde sie ihm sonst etwas antun, aber noch nie hat sie es auch nur fester angepackt, #gewaltfreiekindheit, #beziehungstatterziehung – und das Kind tut trotzdem, als … und in diesem Moment fällt ihr das Fenster ein, sie hat gelüftet nach dem Mittagsschlaf, weil der Raum gestunken hat nach Kinderausdünstung, warmer Urin in voller Windel, Haare verschwitzt am Kinderschädel klebend, Oh wie meine Maus duftet, ich könnte meine Nase immer in ihrem Nacken vergraben, kennt ihr das auch? #babyduft #kleineswunder #naturpur #mygirl #liebeinderluft #instafamily #momblogger #lieblingsmensch, alle Fenster sind abgesichert mit Fensterschlössern, aber, und sie springt auf, während sie in das Zimmer rennt, atmet sie nicht, sie weiß, dass sie das Fenster nicht mehr geschlossen hat – und dann helfen auch die beschissenen Schlösser nichts, da hilft es nichts, dass sie die Schlüssel dafür so weit oben aufbewahrt, dass sie sich verrenken muss, um ranzukommen, #ichgebeaufdichacht, es hilft nichts, dass sie den scheiß Schreibtisch schon längst woanders hinstellen wollte, weil das Kind angefangen hat, überall hinaufzuklettern.

Sie weiß, dass es aus ist, noch bevor sie das Zimmer betritt. Das Fenster steht offen, das Zimmer ist leer.

Adaptierte Version des Textes #dreiundfünzigmaldrei, der auf der Longlist des FM4-Kurzgeschichtenwettbewerbs Wortlaut 2019 stand.



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